Deutsche Version des Artikels »The Unlikely Rescue« von Jessica Camille Aguirre über den gestrandeten, geretteten Buckelwal Timmy




Wissenschaftler meinten, man solle einen kranken Buckelwal in Ruhe sterben lassen. Eine bunt zusammengewürfelte Truppe privat finanzierter Retter war anderer Meinung.

Anfang März tauchte ein junger Buckelwal-Bulle dort auf, wo Buckelwale eigentlich nicht vorkommen sollten: in der Ostsee, vor der Küste von Wismar in Norddeutschland. Das Tier – zwölf Meter lang und zwölf Tonnen schwer, etwa so groß wie ein Stadtbus – hatte sich in einem Fischernetz und Seilen verfangen. Feuerwehrleute fuhren mit Booten hinaus, um ihn zu befreien. Sven Biertümpfel, der als Mitarbeiter der gemeinnützigen Organisation Sea Shepherd Germany neben dem Wal tauchte, erzählte mir, dass er nicht nah genug herankommen konnte, um einige Kiemennetze zu entfernen, die noch an seinem Körper und in seinem Maul hingen. „Er war total gestresst und nicht gerade begeistert davon, dass Boote um ihn herum waren“, erzählte mir Biertümpfel über den Wal. „Wir konnten ihn einfach aus dem Hafen lotsen, und dann war er komplett draußen auf dem offenen Meer.“

Einige Wochen später beschwerten sich Hotelgäste in einem kilometerweit entfernten Badeort über seltsame Geräusche. Es stellte sich heraus, dass der Wal auf einer nahegelegenen Sandbank gestrandet war. Diesmal schlossen sich Feuerwehrleute den Tierärzten des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (I.T.A.W.) an, die den Wal von einem Beiboot aus untersuchten. Große Boote der deutschen Bundesküstenwache fuhren daraufhin vorbei, um zu versuchen, den Wal mittels Wellen wegzubekommen. Stattdessen bewegte sich der Wal näher an die Küste heran. Ein Sandbagger versuchte abzusaugen und eine Rinne zu graben, doch der Sand war zu fest. Als Nächstes kam ein Spezialbagger auf einer Schwimmplattform zum Einsatz, die ihn an der Wasseroberfläche hielt.

Etwa zu dieser Zeit tauchte ein bekannter Meeresbiologe und Abenteurer namens Robert Marc Lehmann in einem grauen Tarn-Neoprenanzug auf. „Man sieht ihm an, dass er Angst hat“, sagte er zu den Reportern am Strand. „Er fühlt sich nicht wohl und befindet sich in einer wirklich beschissenen Lage.“ Ein weiterer Bagger traf ein, der von einer provisorischen Baustellenstraße aus arbeitete, die bis ins Wasser reichte, und stieß später mit seiner Schaufel vorsichtig gegen den Wal, um das Tier leicht zu schubsen. Am nächsten Morgen war der Wal weggeschwommen.

Freiwillige machten sich in kleinen Booten auf den Weg, um sicherzustellen, dass der Wal nicht erneut strandete. Sie schlugen gegen die Seiten ihrer Boote, um ihn zurück in ein lebensfreundlicheres Gebiet zu verscheuchen. Buckelwale fühlen sich im Nordatlantik wohl; die Ostsee ist vergleichsweise flach, hat einen geringen Salzgehalt und ist stark befahren. Doch am nächsten Tag wurde festgestellt, dass der Wal erneut feststeckte, und zwar in Gewässern nahe Wismar, die kaum mehr als zwei Meter tief waren. Er schwamm ein wenig, blieb dann wieder stecken und schwamm erneut ein Stück weiter. Schließlich strandete er in einem V-förmigen Naturhafen vor der Insel Poel. Dort blieb er zunächst vier Tage lang regungslos liegen.

Als ich bei dem Wal ankam, hatte ein Experte des Deutschen Meeresmuseums in einer Pressekonferenz erklärt, dass weitere Rettungsversuche einer Qual gleichkämen. „Wir gehen davon aus, dass der Wal dort versterben wird“, sagte der Experte. Ein Wissenschaftler des Museums hatte mich sogar eingeladen, die Obduktion der Überreste zu beobachten, wenn es soweit sein sollte. Auf einer Straße am Hafen blickten Menschenmengen in die Ferne und riefen jedes Mal vor Freude, wenn der Wal ausatmete. Etwas weiter entfernt, am Rande einer Kuhweide, sicherten Polizeibeamte den Bereich ab und hinderten die Öffentlichkeit daran, sich dem Wal auf weniger als 500 Meter zu nähern. Journalisten durften näher herankommen.

Vom Ufer aus, unter einem grauen Himmel, sah der Wal aus wie ein Felsvorsprung, der aus dem Meer ragte. Von Zeit zu Zeit schoss eine Wasserfontäne aus seinem Blasloch. Nachdem ich ihn ein paar Minuten lang beobachtet hatte, drehte ich mich um und entdeckte Till Backhaus, den Umweltminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern, umringt von einer kleinen Gruppe deutscher Reporter. Ich stellte mich neben ihn. „Wir haben uns verpflichtet, diesen Wal bis zum Ende zu begleiten“, sagte er zu mir. „Das ist für mich ein emotionales Thema, denn wenn man Tiere liebt, stirbt man mit dem Wal.“

Mitten in unserem Gespräch begann Backhaus’ Handy zu klingeln. Es war Lehmann, der Biologe. Er wollte mit Backhaus darüber sprechen, was noch getan werden könne. Lehmann war überzeugt, dass die Institutionen, die die Verantwortung für den Wal übernommen hatten, versagten; er prangerte sie in den sozialen Medien an. Die Öffentlichkeit wurde zunehmend wütend darüber, dass die Experten scheinbar aufgaben. Menschen, die an Rettungsaktionen teilgenommen hatten, erhielten sogar online Morddrohungen. Unterdessen drängten zwei deutsche Multimillionäre darauf, eine private Rettungsaktion zu starten. Niemand, so schien es, wollte den Wal in Ruhe lassen.

Wale haben etwas Wunderbares an sich. Ihre Erhabenheit und Großartigkeit schaffen es, uns selbst in einer Zeit zu überraschen, in der der Mensch immer größere Dinge baut. Ein Wal ist riesig und lebendig, so majestätisch wie ein Berg und doch so anmutig wie ein Aal; er demonstriert die Pracht unseres Planeten und beweist, dass es noch immer wilde Lebewesen gibt. Ebenso erschreckend ist ein gestrandeter Wal. An Land wird die Größe des Wals zu seinem Verhängnis: Sein eigenes Gewicht zerquetscht seine inneren Organe. Ein Wal, der nicht gerettet werden kann, scheint ein Zeichen dafür zu sein, dass wir es versäumt haben, die Reichtümer zu schützen, auf die wir gestoßen sind.

Kurz nach Lehmanns erstem Besuch bei dem Wal veröffentlichte er in den sozialen Medien ein Video, in dem er nackt in der Dusche hockt. „So sieht man aus nach zwei Nächten ohne Schlaf, ohne Essen, nach stundenlangem Aufenthalt im 3 Grad kalten Wasser der Ostsee“, schrieb er – das sind etwa 37 Grad Fahrenheit. Er warf den I.T.A.W.-Experten vor, ihn von den Rettungsmaßnahmen ausgeschlossen zu haben, weil sie dachten, er sei auf Selbstdarstellung versessen. „Der anstrengendste Teil einer Mission sind immer die Menschen, niemals die Tiere“, schrieb er.

Ein paar Wochen später stellte Lehmann eine einstündige YouTube-Dokumentation online, die schnell Millionen von Aufrufen erzielte. Er fügte Aufnahmen von Stephanie Groß, einer Tierärztin von I.T.A.W., hinzu, die darauf hinwies, dass seine Dreharbeiten eine weitere Stressquelle für den Wal darstellen würden. „Ich halte diese Dokumentation für unglaublich wichtig“, sagt er zu ihr.

„Das ist eine Dokumentation, die du auf deinen eigenen Kanälen verwenden wirst“, antwortet sie.

„Ihr könnt alles haben“, sagt Lehmann. „Ich will gar nicht hier sein.“

„Aber warum bist du dann hier?“, fragt Groß.

In einem nachfolgenden Clip bezeichnet sie Lehmann als Unruhestifter.

Lehmanns Beiträge hatten Charisma. Ein Kameramann filmte ihn, wie er sich an die Rettungskräfte wandte; faszinierende Drohnenaufnahmen, unterlegt mit emotionaler Musik, zeigten ihn, wie er neben dem Wal schwamm. Er stellte sich als die einzige Person dar, die den Mut und die Weitsicht besaß, eine Verbindung zu dem Tier aufzubauen. Backhaus und andere Verantwortliche beharrten zwar darauf, dass Lehmann nicht ausgeschlossen worden sei, doch hatten sie die Kontrolle über die Berichterstattung längst verloren. In den sozialen Medien war der Wal „Timmy“ getauft worden, nach der ersten Sandbank, auf der er gestrandet war. Es herrschte das Gefühl, dass die Verantwortlichen der Rettungsaktion inkompetent seien oder, schlimmer noch, absichtlich ausweichen würden. Die Experten sagten immer wieder Dinge, die niemand hören wollte.

Walbiologen gehen im Allgemeinen davon aus, dass ein Wal, der wiederholt strandet, meist unter schweren gesundheitlichen Problemen leidet; selbst wenn man ihn zurück ins tiefere Wasser schleppt, kann dies ihn möglicherweise nicht vor dem Verhungern oder Ertrinken bewahren. Dieser Wal befand sich in einem schrecklichen Zustand. Seine Haut war mit Blasen übersät, rissig und hatte eine seltsame gelbliche Färbung, als würde er verfaulen. Der Grund dafür war eine durch Süßwasser verursachte Hauterkrankung: Der Wal kam mit dem niedrigen Salzgehalt nicht zurecht. Niemand wusste, wie tief das Kiemennetz in sein Verdauungssystem eingedrungen sein könnte. Er hatte Schnittwunden am Rücken, die mit ziemlicher Sicherheit durch eine Kollision mit einem Schiff verursacht worden waren. Es war offensichtlich, dass die Menschen für weit Schlimmeres verantwortlich waren, als nur die Rettung des Tieres versäumt zu haben. Sogar der Bagger, der den Wal anstupste, schien Verletzungen verursacht zu haben: Aufnahmen der Rettungsaktion zeigten eine seichte Blutstelle, die die Wellen färbte. Mit der Zeit soll sich Wasser in den Lungen des Wals angesammelt haben.

Es gibt Walexperten, die einen Buckelwal beispielsweise durch das Einführen einer Nadel von der Größe eines menschlichen Arms in sein Herz einschläfern können. Diese Methode könnte zu herausspritzendem Blut oder heftigen Todeskrämpfen führen. Die Behörden schlossen dies aus. Allein könnte es jedoch Wochen dauern, bis der Wal stirbt. Buckelwale, die mit ihren Barten im Maul Krill und Fische aus dem Meerwasser filtern, können monatelang ohne Nahrung auskommen; sie wandern Tausende von Kilometern von ihren Brutgebieten, etwa den Kapverdischen Inseln vor Westafrika, bis zu ihren Nahrungsgründen in der Nähe der Arktis. Im Gegensatz zu Zahnwalen, die sich mittels Echoortung orientieren, verlassen sich Bartenwale auf eine Kombination aus Sehvermögen, Meeresströmungen und – einigen Wissenschaftlern zufolge – dem Erdmagnetfeld.

Vielleicht hatte der Wal in Poel die Orientierung verloren. Vielleicht war er einem Heringsschwarm in die Ostsee gefolgt. Doch keiner dieser Faktoren würde die wiederholte Strandung des Wals erklären. Biertümpfel sagte mir, dass das Fischernetz relativ neu aussah; es lag wahrscheinlich noch nicht lange genug dort, um das Tier auszuhungern. Tamara Narganes Homfeldt, Meeresbiologin bei Whale and Dolphin Conservation, fragte sich, ob ein kranker Wal versehentlich gestrandet sein könnte, während er Zuflucht vor dem offenen Ozean suchte. „Er wäre eine leichte Beute für Orcas oder Haie“, sagte Homfeldt mir. „Aus verhaltensbiologischer Sicht sind flache Gewässer für Wale eigentlich recht sicher.“

Einige Tage, nachdem man den Wal dem Tod überlassen hatte, änderte Backhaus seinen Kurs. Er wollte den Wal nun zwischen den Rümpfen eines speziellen Katamarans aus Dänemark festschnallen. Es keimte wieder Hoffnung auf: Die deutsche „Bild“ berichtete, der Wal habe mit seiner Schwanzflosse auf das Wasser geschlagen und seinen Rücken gewölbt, „als wolle er tief Luft holen“. Es gab Berichte, dass der Wasserstand steigen könnte. Dann wurde die Katamaran-Idee verworfen, mit der Begründung, dass sie die Haut des Wals verletzen könnte. Demonstranten auf der Insel Poel durchbrachen die Polizeisperre und stürmten zum Ufer. Eine Frau sprang sogar von einer nahegelegenen Fähre und schwamm bis auf wenige Meter an den Wal heran. Sie wurde von Beamten der Wasserschutzpolizei aus dem Wasser gezogen.

Zwei wohlhabende Deutsche – Karin Walter-Mommert, eine Rennpferdebesitzerin, und Walter Gunz, der millionenschwere Gründer von MediaMarkt – wollten den Wal ebenfalls retten. „Wir profitieren so sehr von der Tierwelt“, sagte Gunz. „Wir können etwas zurückgeben.“ Backhaus lehnte es zunächst ab, sie in die Rettungsaktion einzubeziehen, doch sie begannen, ein Team zusammenzustellen, das hoffte, Airbags unter dem Wal anzubringen, ihn anzuheben und an schwimmenden Pontons zu befestigen, die in den Nordatlantik geschleppt werden könnten.

Eines Abends las Jenna Wallace, eine Tierärztin aus Hawaii, die zwar mit Delfinen und Orcas, aber nicht mit Buckelwalen gearbeitet hatte, nach ein paar Gläsern Wein im Bett über den Wal. Wallace, die eine blonde Haarmähne und ein strahlendes Lächeln hat, beschloss, einen Beitrag über ihn zu veröffentlichen. „DIESES TIER WILL LEBEN!“, schrieb sie in den sozialen Medien. „WARUM HAT DIE REGIERUNG dieses Tier nicht in tiefes Wasser gebracht oder anderen erlaubt, dies zu tun?“ Sie fügte hinzu: „Ein dickes, fettes F@CK YOU an das Museum, das offenbar schon lange ein Walskelett haben wollte.“ Am nächsten Tag stellte sie fest, dass ihr Beitrag viral gegangen war, und bald darauf erhielt sie einen Anruf von Walter-Mommert, der sie einfliegen lassen wollte. „Ich dachte ehrlich gesagt, es wäre ein Scherz“, erzählte mir Wallace. „Wenn man fragt, wie viele Tierärzte weltweit Erfahrung mit Buckelwalen haben, die seit Wochen gestrandet sind, ist die Liste ziemlich kurz. . . . Alle Neinsager können sich ins Knie ficken.“

Als Wallace in Deutschland ankam, fuhr sie mit einem Paddleboard hinaus und war erleichtert, dass der Wal auf sie reagierte. Er versuchte, sich zu befreien, indem er seine Brustflossen wie eine Schildkröte bewegte, doch der dicke Schlamm wirkte fast wie ein Saugnapf. An diesem Abend entwarfen Wallace und Sebastian Strand, ein passenderweise so benannter Strandungsexperte aus Norwegen, in ihrem Hotel auf der Rückseite einer Getränkekarte einen neuen Plan. Wenn sie die Turbinen von Unterwasserscootern unter den Wal richteten, um den Untergrund aufzulockern, und dann seine Brustflossen mit an einem Boot befestigten Feuerwehrschläuchen umwickelten, könnten sie den Wal vielleicht aus dem Schlamm ziehen.

Die Details waren jedoch vage, und das Team war durchwachsen und unbeständig. Die anderen beteiligten Tierärzte hatten keine Erfahrung mit Walen; eine/r war auf Pferde spezialisiert. Felix Bohnsack, ein zweiundzwanzigjähriger Maschinenbaustudent, koordinierte angeblich die Arbeit. Journalisten hatten Bohnsack wegen einer Jacke, die er trug – er war ehrenamtlich für eine Tierschutzorganisation tätig (Wildtierhilfe MV) –, für einen Experten gehalten, und einer der Organisatoren hatte ihn rekrutiert, nachdem ihm gefallen hatte, was er vor der Kamera gesagt hatte (erneute Rettung befürwortet). Wallace erzählte mir, dass ein weiteres Mitglied der Rettungsaktion, das sich selbst als „Whale Whisperer“ bezeichnete, darauf bestand, in der Nähe des Tieres zu sein, um eine spirituelle Verbindung zu ihm aufzubauen. Zu dem „Whale Whisperer“ gesellte sich auch ein YouTuber, der sich Danny.Firstclass nannte. „Sowohl der YouTuber als auch der „Whale Whisperer“ glauben, sie könnten mit dem Wal sprechen“, sagte Wallace zu mir. 

Backhaus, der Umweltminister, gab der zusammengewürfelten Truppe schließlich grünes Licht. Ein schwimmender Bagger grub einen Kanal für den Wal. Die Retter wollten Luftkissen unter dem Tier aufblasen, doch dann stieg der Wasserstand, und eines Morgens begann der Wal zu schwimmen. Wallace und ihre Mitarbeiter stürzten sich ins Wasser; der Wal schwamm in die falsche Richtung auf das Hafenbecken zu. Sie umzingelten den Wal mit Booten und Jetskis und lenkten ihn um. Doch das Wasser war zu flach, und er strandete erneut.

Wallace warf dem „Whale Whisperer“ und Danny.Firstclass vor, sich in dem Versuch, Filmmaterial zu bekommen, zu nahe herangewagt und den Wal in die falsche Richtung gelenkt zu haben. Bald darauf enthüllten Zeitungen, dass Danny.Firstclass, dessen Gesicht zur Hälfte mit Tattoos bedeckt war, in Wirklichkeit Danny Hilse war, dem Verbindungen zu den Hells Angels nachgesagt wurden und der an extrem rechten politischen Demonstrationen teilgenommen hatte. Wallace, die genug hatte von diesen, wie sie es nannte, „lächerlichen Leuten“, flog (auch berufsbedingt) zurück nach Hawaii. Kurz zuvor zeigte eine andere Tierärztin des privaten Rettungsteams Anzeichen eines Schlaganfalls und wurde per Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht.

Zu diesem Zeitpunkt berichteten die meisten großen deutschen Nachrichtenagenturen live über die Notlage des Wals. „Er bewegt sich, er schwimmt“, verkündete eine Nachrichtenseite. „Dann taucht er ein Stück weiter vorne wieder auf und stößt eine Fontäne in die Luft. Was das bedeutet, ist unklar.“ Ein Live-Stream eines YouTube-Kanals namens News5 zeigte einen Lauftext: „Diese Bilder könnten belastend sein. Pass auf dich auf.“ Das Rettungsteam hatte unterdessen eine neue Idee. Sie würden den Wal in einen langen Lastkahn laden und ihn aufs Meer hinausziehen.

„Whoa, whoa, whoa, whoa!“ Endlich glitt der Wal in seinen Kahn. Rufe verwandelten sich in Freudenschreie. Nach Sonnenuntergang stach der Lastkahn in See.

Am nächsten Abend sprach ich mit Pedro Baranda, einem Meeresbiologen, der den Wal auf seiner Route durch die dänischen Inselketten begleitete. Viele der Experten, die dafür plädiert hatten, den Wal sterben zu lassen, hatten ihre Meinung nicht geändert; sie bezweifelten nach wie vor, dass der Wal überleben würde. Aber Baranda war optimistisch und erzählte mir, dass der Wal den Kopf hob und neugierig zu den Rettungskräften hinaufblickte. An seiner Rückenflosse war ein Sender angebracht worden, der es den Rettern ermöglichen soll, seinen Aufenthaltsort im Auge zu behalten. „Niemand hat jemals so etwas mit einem Buckelwal versucht“, erinnerte mich Baranda.

Drei Tage später, an einem klaren, strahlenden Morgen, schrieb ich Baranda eine SMS, um mich nach dem Wal zu erkundigen.

„Er ist frei!“, sagte Baranda. Er schickte mir ein Video von einem ruhigen, königsblauen Meer, mit dem Lastkahn in der Ferne. Plötzlich schoss eine weiße Fontäne in den Himmel.

„Er wurde vorsichtig mit einem Lasso mit Schnellverschluss gezogen, für den Fall, dass etwas schiefging, und dann in die Nordsee entlassen“, fügte Baranda hinzu. „Er atmete ein paar Mal tief durch und tauchte dann ab. Wir haben ihn aus den Augen verloren.“

Jedes Jahr stranden Tausende von Walen, und noch mehr sterben unbemerkt, meist als Folge menschlicher Aktivitäten. Sie hungern in Ozeanen, die massiv überfischt sind. Sie verlieren aufgrund der Lärmbelästigung durch Schifffahrt, Ölbohrungen und militärische Operationen die Orientierung. Sie werden von Schiffsschrauben zerfetzt. Sie ersticken an Müll und in Netzen. Die Rettung eines einzelnen Tieres mindert keines dieser Risiken – und wenn überhaupt, könnten komplizierte Anstrengungen, einen einzigen Wal zu retten, von der Arbeit zum Schutz einer Art und ihres Lebensraums ablenken. Strand, der norwegische Experte, erzählte mir, dass die berühmtesten Walretter, die er kannte, versucht hatten, ihm die Teilnahme an der privaten Rettungsaktion auszureden. Er entschied sich erst, nach Poel zu fahren, nachdem die Behörden beschlossen hatten, das Tier nicht zu euthanasieren. Bei allem Engagement, das er für die Natur als Ganzes empfinde, sagte er mir, gebe es dennoch das moralische Problem dieses einen Wals, der leidet.

Nachdem das Lastschiff (Barge) die Insel Poel verlassen hatte, fragte mich Strand, was ich von der Geschichte des Wals halte. Ich sagte, ich wisse es nicht. Viele Nachrichtenberichte hatten dies als Sieg gefeiert. Die Tatsache, dass ein Buckelwal tagelang von Freiwilligen aus dem Schlamm gezogen, in ein Lastschiff geführt und in die Nordsee entlassen worden war, zeugte von einem kollektiven guten Willen gegenüber der Natur, der allzu selten zu sein scheint. Andererseits könnte der Wal immer noch erneut stranden oder außer Sichtweite sterben, und das Beharren darauf, dass er um jeden Preis überleben müsse, schien Wunschdenken zu sein. „Oh, auf jeden Fall“, antwortete Strand. „Ich würde sagen, es war irrational – angetrieben von Glauben und der Bereitschaft, angesichts eines ansonsten sicheren Verderbens bzw. Todesurteils sein Bestes zu geben.“

Ich fragte Strand, worin seiner Meinung nach die Moral der Geschichte liege. War es die, dass Millionäre Wale retten können, wenn sie es wollen? Er ist nicht der Ansicht, dass das Schicksal eines Tieres von den Launen von Millionären abhängen sollte, räumte jedoch ein, dass die finanziellen Mittel dem Wal geholfen hätten, einen qualvollen Tod zu vermeiden. Das Überleben des Wals hing bislang von der Leidenschaft von Menschen ab, die vielleicht gar nicht begriffen hatten, wie ernst seine Lage war. Sollte der Wal auf See sterben, könnte ihre Arbeit im Nachhinein sinnlos erscheinen. Andererseits würde sein Kadaver in ausreichend tiefem Wasser wahrscheinlich auf den Meeresboden sinken und dort über Jahre hinweg ein kleines Ökosystem beherbergen. „In diesem Fall scheint es zum Guten ausgegangen zu sein“, sagte er mir. „Es hätte genauso gut in einem Desaster enden können.“ ♦

von Jessica Camille Aguirre

Hinweise: (1) wie der Wal wirklich gezogen wurde, ist Teil einer Untersuchung; (2) mit händischen Nachbesserungen übersetzt, ohne KI.


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