„Inzwischen dürfte selbst Herr Backhaus in einem psychischen Zustand sein, in dem ein schlüssiges, belastbares Konzept ihm die Last von den Schultern nimmt.“


Ein Bericht über kollektive kognitive Dissonanz im Fall des ehemals vor Poel gestrandeten Buckelwals sowie über die reale Gefahr sich verschlechternder körperlicher und psychischer Gesundheitszustände.



Angenommen, beim letzten Weihnachtsabendessen hätte uns jemand erzählt, dass nur drei Monate später die Bundesrepublik Deutschland und Menschen weltweit aufgrund eines in die Ostsee eingeschwommenen jungen Buckelwals wochenlang in einen Ausnahmezustand versetzt werden. Dass eine polizeiüberwachte Schutzzone mit 500-Meter-Radius um den Wal errichtet würde. Dass ein sechs Seiten dünnes Gutachten ohne wissenschaftlichen Quellennachweis sein Todesurteil bedeuten und die Einmischung des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier seine kostenfreie Beerdigung einleiten sollte. Dass sich eine unabhängige Nachrichtenagentur bereit erklärt, über 40 Tage lang 24 Stunden live über den Wal zu berichten und ihn in dieser Zeit nicht aus dem Blick zu verlieren. Dass ein kleiner Touristenort auf der Insel Poel zur Arena von Wut, Aggression, Tränen, des Hoffens und Bangens sowie offenen Morddrohungen werden würde, weil der Wal, wie es staatlich autoritär hieß, nicht gerettet werden sollte. 

Das zuständige Land Mecklenburg-Vorpommern versperrte sich vehement dagegen. In der Justiz würde man sagen, es verteidigte seine ablehnende Haltung erbittert mit Zähnen und Klauen. Es gab Proteste, Demonstrationen, aussichtslose gerichtliche Eilanträge, eine Frau, die von der Fähre direkt zu dem Buckelwal, den sie entweder Timmy oder Hope nennen, ins Wasser sprang. Aufmüpfige, die Absperrzonen durchbrachen und wie Ameisen über die Wiesen strömten, um näher an das gestrandete Tier heranzukommen und ihre Solidarität mit ihm, dem Arglosen, auszudrücken. Sie alle litten und hofften jeden (verdammten) Tag.

Zwei Menschen erklärten, sie möchten dem Wal – koste es, was es wolle – die Rettung finanzieren. Vor den Augen der Welt wurde das tonnenschwere Geschöpf schließlich mit der Duldung des Landes aus seiner misslichen Lage befreit. Walflüsterer, Tierärzte und Free-Willy-Personal wurden eingeflogen, eine Tierärztin verlor fast ihr Leben und lag im künstlichen Koma, die andere mischte den Laden auf und geigte jedem ihre Meinung. Ein großes dänisches Schiff lag tagelang im Hafen von Wismar und hielt sich transferbereit. Transfer wohin eigentlich? Ach ja, bis in den Atlantik. Oder zumindest kurz davor in die Nordsee.

Der Wal tat allen Helfern, Unterstützern und Mitfiebernden den Gefallen und schwamm freiwillig in einen riesigen Lastkahn, der sein Reisebett genannt wurde. Im Schleppverband, der einzigartig war und mit Anmut ablegte, um deutschen Gewässern den Rücken zu kehren, sollte der Lastkahn, der auch Barge genannt wurde, nur wenige Tage unterwegs sein und den Wal dann in einer halsbrecherischen Aktion nach draußen ins Meer bugsieren. Die Mission gelang – das Tier kam frei und nahm gleich kräftig Tauchgang. Seine Fontänen, die am Tag der Rettung in Poel in der Spitze von 130.000 Menschen weltweit ein letztes Mal live verfolgt wurden (Platz 3 des weltweiten YouTube-Live-Rankings), waren 40 Tage lang das Indiz dafür, dass noch Leben in dem jungen Tier steckte. Früh am Morgen zuerst an Timmy (Hope) denken, den Livestream anmachen und prüfen, ob er noch lebt, hatte sich eingebürgert.

Die Menschen hatten ihre normale Existenz. Und sie hatten Timmy (Hope) – den Buckelwal. Das Tier in Not. Ihrem Weltbild entsprach es, dass der Wal gerettet werden muss. Ebenso entsprach es ihrer genauen Beobachtung, ihrer Wahrnehmung und ihrem gesunden Menschenverstand. Die Realität, die das Land ihnen als die endgültige und einzig wahre verkaufen wollte, glaubten sie nicht und lehnten sie ab. Sie sahen, was sie sahen. Das Gesehene konnten sie einordnen. Übrigens wie die meisten Polizisten, Feuerwehrleute und freiwilligen DLRG-Helfer vor Ort auch, die ihre Meinung nur nicht frei äußern sollten bzw. durften.


Kosten für die Mäzene: mindestens 1,5 Millionen Euro.


Ungläubig sitze ich am Tisch mit dem Weihnachtsessen vor mir, betrachte das Ganze mit einem geschockten und einem begeisterten Auge und überlege, ob diese Geschichte ein einziger erfundener Fiebertraum ist oder ein historisches Ereignis, bei dem am Ende nicht die Bürokratie gewonnen hat, sondern der Wal.




Die Pressekonferenzen vom ︎︎︎01. April 2026 und ︎︎︎07.04.2026 bewirkten bei den Empfängern dieser Nachrichten nachvollziehbar tiefe Verstörung, Angst und Traurigkeit um den Wal sowie Gefühle von Hass und Ablehnung gegenüber allem Staatlichen und Expertenhaften. Dazu Misstrauen, verzeifelte Ohnmacht und der Drang, etwas zu unternehmen, das dem Wal helfen würde. Auch Irrationales, Rechtswidriges und Verbotenes wurde in Kauf genommen. Die Menschen waren außer sich, aber eben auch machtlos. Der vom Land verordnete restriktive Umgang mit dem Tier, das leben wollte, verletzte und verunsicherte viele von ihnen tief im Inneren. Vertrauen wollte oder konnte kaum noch jemand. Auf Erlösung aus diesem Fiebertraum hofften alle, die den Wal lebend sehen wollten.

Auch dieses ︎︎︎Video über verschiedene Menschen, die dem Ostsee-Wal örtlich oder emotional nahegekommen sind, ist vielsagend. Ebenso die juristische Stimme von ︎︎︎Günter Nitsche

Die wechselhafte Dynamik im eigenen körperlich-emotionalen Zustand liest und beobachtet sich auch im ︎︎︎Livestream vom 15. April 2026, als der Tag noch ernüchternd und ohne Rettungsaussicht begann, später jedoch eine unerwartete Wendung nahm — die Freudengefühle freisetzende Erlösung einleitend. Um 13:43:47 Uhr schreibt die Userin @katjaschellein174 „Laut Focus 15 Uhr PK” in den Chat (s. Funktion Steuerfeld öffnen). Erste vereinzelte Reaktionen, auch solche, die auf die gefundene Pressemitteilung des Ministeriums von diesem Tag hinwiesen, verdichteten sich zu kollektiver Nervosität, Anspannung und einer Einstellung zwischen hoffen (hope) und nichts Neues wird geschehen.

Die Kommentare, manche nur sehr kurz, spiegeln wider, was die restriktive Haltung des Ministeriums bis dahin angerichtet hatte. Wollte man diese Linie bis zu den wirklich schlimmen Bildern eines verreckten, toten Tieres durchziehen, das keine Fontäne mehr ausstößt und keine Fluke mehr hebt, und dieser Anblick Menschen in seelische Abgründe gerissen hätte? Das Mitleid(en) mit dem Tier war so real, dass psychische Erkrankungen und ernstzunehmende körperliche Reaktionen im Raum standen. Im Grunde war die Situation unberechenbar und hätte für fragile, traumatisierte Menschen in einem Desaster enden können:

  • „15 Uhr PK… dann passiert heute wieder mal nichts”
  • „Er wird auch nichts mehr passieren...leider”
  • „Es war die offizielle Aussage, dass er nicht mehr gerettet werden kann. Was kann ich dafür, wenn das gesagt wurde? Was seid ihr denn heute so feindselig”
  • „Die wissen nicht mal heute den aktuellen Gesundheitszustand. Weder ob die Augen auf oder zu sind, noch ob der Kiefer geschlossen ist oder nicht. Unfassbar”
  • „Er bewegt sich so, wie es für ihn möglich ist. Auffällig ist definitiv, dass er am aktivsten ist, wenn der Wasserstand hoch ist und über Tag doch eher seine Kräfte schont”
  • „Ich will keine PK mehr. Damit die uns sagen, Hope liegt im Hospiz und die helfen ihm nicht?”
  • „Ich bin ab heute raus hier. Kann es psychisch nicht mehr ertragen, Hope leiden zu sehen. Ich weine jeden Tag um ihn. Das, was passiert, ist verstörend & nie hätte ich gedacht, dass man ihn elendig sterben lässt. Ich möchte nur noch schreien.”
  • „Gute Entscheidung, fühl dich umarmt. Ich fühle mit dir und musste gestern vor Herzrasen auch abschalten”
  • „Und garantiert wird das Ministerium nicht heute freigeben, wenn morgen Steinmeier kommt”
  • „Ich zitter ein wenig. Meine Güte”
  • „Als ich das Statement von Strandednomore gelesen habe, kochte in mir richtig Wut hoch auf die hiesigen "Experten". Das Statement ist so detailliert und nimmt das Gutachten auseinander”
  • „Ich hatte noch nie so ein Auf und Ab mit meinen Emotionen wie die letzten drei Wochen. Jetzt gerade habe ich wieder Hoffnung, die gleich wieder zerbrechen wird”
  • „Eventuell PK für Bergung und Tötung?”
  • „Wenn Hope stirbt, dann kann der Backhaus seine Koffer packen und auswandern. Der Hass und die Wut auf Backhaus werden immer größer. Für mich hat dieser Mensch keinen Charakter und ist komplett ohne Gewissen. Und dieses Gutachten ist die reinste Lüge.”
  • „Dieses lächerliche Gutachten nutzt nur denjenigen, die am Tod des Wals verdienen, damit man sie nicht angreifen kann. Dem Wal jedenfalls bringt es nur den Tod, ohne jeweils eine Chance gehabt zu haben.”
  • „Vielen Dank auch an die Feuerwehr, Polizei und alle anderen unermüdlichen Helfer”
  • „Das geht mir so nah, ich komme nach der PK wieder”
  • „Sie lassen ein Kind sterben, er ist doch erst 4 oder 5 Jahre alt”
  • „Hoffe jetzt auf gute Nachrichten, muss heute schon 24 Stunden Blutdruck messen”
  • „Ich bin für Rettungsversuch - wenn Hope dabei verstirbt, ist er zumindest erlöst. Aber man hat es versucht.”
  • „Was glaubt ihr? Dass es jetzt nach 14 Tagen schlagartig eine Änderung gibt?”
  • „Ich will niemanden die Hoffnung nehmen, aber ich glaube nicht daran”
  • „Ich hab echt Bauchschmerzen”
  • „Solange alle Experten sich einig sind, dass das Tier nicht mehr gesund wird, kann keiner was ausrichten”
  • „Mir wird ganz übel”
  • „Ich trau mich gleich gar nicht zuzuhören, wenn es los geht”
  • „Ich bin aufgeregt”
  • „Ich hab auch Angst”
  • „Bitte keine Frau Groß und bitte nicht Herr Baschek!!!!!!!!!!!!!”
  • „Ich könnte 30 Kippen gleichzeitig rauchen”
  • „Boah mein Puls”
  • „Leute, ich meine es gut, aber dass heute was Positives raus kommt liegt bei 1%. Macht euch nicht zu viel Hoffnung, dann geht es euch später nicht so schlecht”
  • „Ich glaube an Wunder”

„Eine Lebendbergung von einem Buckelwal hat es in Mecklenburg-Vorpommern tatsächlich noch nie gegeben” (Dr. Till Backhaus)

Um 15:06:18 Uhr wurde der Chat wieder geöffnet.



Ähnliche Tierschicksale (2022 und 1966)





2022: Bergung eines Buckelwals (Porto Cristo, Spanien)


Auf der Website des Fotografen Pedro Riera Llompart ist zu lesen:

Salvage of a humpback whale

„Dieser wunderschöne Buckelwal – 14 Meter lang und 24 Tonnen schwer – bittet die Taucher um Hilfe, damit sie ihn aus dem Maschenwerk der Treibnetze befreien, das seinen Körper einengt. Er konnte weder schwimmen noch Nahrung aufnehmen und ist bereits stark geschwächt; mit seinem Blick und seiner Haltung bittet er um Hilfe.

Die Taucher eilen ihm zu Hilfe, und der Wal kooperiert, indem er sich vollkommen still verhält; wir durchtrennen sämtliche Netze und befreien ihn so aus den Treibnetzen.

Er erhält eine neue Chance auf das Leben.

Er schenkt uns einen letzten Blick – den wir als Dank deuten –, und beginnt dann, hinaus aufs offene Meer zu schwimmen, nun vollkommen befreit von seinen Fesseln.” (Dt. Übersetzung)

Hinweis: Offiziellen spanischen Medienberichten ist zu entnehmen, dass der betreffende Buckelwal, genau wie Timmy/Hope, zunächst für einen Finnwal gehalten wurde. Zudem sei das Tier nur etwa 10 bis 12 Meter lang gewesen. Dass der Buckelwal überlebt hat, gilt als ungewiss. Vereinzelt ist von einem Ableben des Tieres nur Tage nach seiner Befreiuung die Rede.








1966: Ein Beluga im Rhein? Wie ein verirrter Weißwal 1966 deutsche Umweltgeschichte schrieb


Am 18. Mai 1966 gegen 9.30 Uhr rief das Tankschiff „Melani“ die Duisburger Wasserschutzpolizei und meldete „[b]ei Rheinkilometer 778,5 haben wir einen weißen Wal gesichtet.“ Die Polizisten vermuteten das Alkohol im Spiel war, ob dieser unglaubwürdigen Meldung – leben doch Belugas normalerweise in arktischen und subarktischen Gewässern. Der Atemalkoholtest des Kapitäns fiel negativ aus und die Polizisten sahen den Wal mit eigenen Augen. Der herbeigerufene Duisburger Zoodirektor Wolfgang Gewalt (1928–2007) meinte beeindruckt: „Mann, is det een Wurm“ und nannte ihn „eine zoologische Sensation“.

Die öffentliche Aufmerksamkeit für den Wal steigerte sich in den folgenden Wochen. Schnell war der Name „Moby Dick“, nach dem berühmten Roman von Herman Melville, etabliert. Von der Times über die New York Herald Tribune bis zur Prawdaberichtete die internationale Presse über den verirrten Weißwal. Der Wal schwamm im Rhein bis nach Bad Honnef, südlich von Bonn, über 350 Kilometer von der Mündung entfernt. Der Beluga im Rhein beherrschte für mehrere Wochen die Nachrichtenschlagzeilen und zog zahllose Besuchende in die Rheinlokale. Das Duo Christopher & Michael widmeten ihm sogar ein eigenes Lied mit dem Titel „Im Rhein da schwimmt ein weißer Wal“.

Am 13. Juni 1966 sprengte er dann sogar eine Bundespressekonferenz: Gerade wollte Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel zum gespannten Verhältnis in der NATO nach dem französischen Rückzug aus dem Verteidigungsbündnis sprechen, als der Chef des Presse- und Informationsamtes der Bunderegierung, Karl-Günther von Hase, ihn mit den Worten: „Eben habe ich von einem Sonderkurier die Nachricht erhalten, dass Moby Dick vor dem Bundeshaus ist“ unterbrach. Die versammelte Hauptstadtpresse stürmte daraufhin zum Rhein und zog die tierische Sensation dem politischen Alltagsgeschäft vor.

Freilich hatte „Moby Dick im Rhein“ noch eine ganz andere Geschichte zu erzählen, nämlich die der Verschmutzung der Fließgewässer in Deutschland. Bereits nach wenigen Tagen hatte er einen Hautausschlag und Zoodirektor Gewalt erklärte in einem Interview, „[unter diesen Umständen] geht er ein“.

Aufgrund der bedrohlichen Umwelt bemühte sich der Zoodirektor Wolfgang Gewalt den Wal zu fangen und ihn in das Delfinarium des Duisburger Zoos zu überstellen. Aus Sicht der Medien nahm er die Rolle des Kapitäns Ahab aus dem Roman von Melville ein. Versuchte er anfangs mithilfe zusammengeknoteter Tennisnetze den Wal in die Enge zu treiben, wechselte er später zu Betäubungspfeilen, um ihn einzufangen. Zumindest Letzteres war riskant: Wale sind Säugetiere, die zum Atmen an die Oberfläche kommen müssen. Ein betäubter Wal konnte daher ertrinken. Schlussendlich schlugen alle Versuche fehl und der Zoodirektor stellte die Jagd nach „Moby Dick“ am 10. Juni 1966 ein. Nicht nur aufgrund des mangelnden Jagderfolges, sondern auch weil die Öffentlichkeit seine Jagdmethoden ablehnte. Während manche:r besorgte:r Bürger:in einen Verstoß gegen den Tierschutz vermutete und Strafanzeige stellte, charterten Aktivist:innen ein Luftschiff, um den Zoodirektor mit geworfenen Orangen von seinem Fangversuchen abzuhalten. Die Bild-Zeitung forderte gar: „Verhaftet Dr. Gewalt!“

Anders als von Dr. Gewalt prognostiziert, überlebte „Moby Dick“ die Zustände im Rhein. Nach seinem Ausflug zur Bundespressekonferenz folgte er dem Flusslauf in Richtung Mündung und am 16. Juni 1966 „[u]m 18.42 Uhr hat der weiße Beluga-Wal bei Hoek van Holland das offene Meer erreicht“. Zwar endete damit das mediale Interesse, regional ist der Besuch des Belugas vor mittlerweile fast 60 Jahren in Erinnerung geblieben: Ein Ausflugdampfer, der in seiner Form an ein Wal erinnert, trägt bis heute zur Erinnerung den Namen „MS Moby Dick“.

Quelle: dhm.de (Martin Baumert)

In der noch bis 7. Juni 2026 begehbaren Wechselausstellung „Natur und Deutsche Geschichte. Glaube – Biologie – Macht“ im Deutschen Historischen Museum in Berlin ist ein Film mit dem Beluga-Wal zu sehen.





Berlin, am 11./12.5.2026 ©
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